Erster Eindruck

Schnell rennt Sina weg, als ich sie zu einem Gespräch einlade! Sie versteckt sich hinter einem Busch und möchte nur vorsichtig herüberschauen. Sie sei immer auf der Flucht, verrät sie mir. Das Bedürfnis zu fliehen könne sie meist nicht ablegen. Sie ist ein sehr sensibler, intelligenter und auch quirliger Hund. Richtig Ruhe hat sie selten, auch nicht im Schlaf. Aber sie ist auch ein lieber Hund, möchte eigentlich lieb sein, kann es aber nicht immer. Sie übermittelt mir auch eine ausgeprägte Mütterlichkeit und Fürsorglichkeit. Sina kommuniziert anfangs nur über Gefühle und Bilder.

Wie geht es dir in deinem zuhause?

Sina ist so hektisch, dass sie sich nirgendwo 100%ig wohl fühlt. Sie ist gar nicht richtig in der Lage, in der Tierkommunikation ihre Gefühle zu äußern. Deswegen hat Sina hat auch viele Schuldgefühle. Denn sie ist ihrem Frauchen sehr dankbar, dass sie ihr ein Zuhause bietet, Schutz, Futter und sie auch beschützt. Menschen sind für Sina aber manchmal schwer verständlich. Sie hat das Gefühl, die Sprache der Menschen nicht zu verstehen. Fühlt sich daher nicht richtig integriert. Und manchmal auch einsam.

Wo ist denn für dich „Sicherheit“?

Das kann sie mir nicht sagen. In der Flucht liegt das Gefühl, Sicherheit zu erreichen. Aber auch im Zusammensein mit anderen Hunden, die sie mag. Sina mag auch das Spazierengehen, denn es bringt sie raus und in der Bewegung geht es ihr besser. Sie liebt Spaziergänge. Es könnten noch viel mehr sein aus ihrer Sicht. Sie zeigt mir Gelände in Hanglage, man kann aber auch in einen Wald laufen. Sandwege. Ein Bach. Und Baustellen mit großen Geräten.

Sina mag andere Hunde. Vor allem solche, die nicht so groß sind. Sie möchte nicht dominiert werden. Sie mag Polina sehr gern, die weiße Hündin der Nachbarn. Sie vermittelt ihr Lebensfreude und Freundschaft.

Wie hast du gelebt, bevor du zu deinen Menschen kamst und was ist dir geschehen?

 

Sina hat schwere Ängste, und Panikgefühle, die ihren Ursprung in ihrem früheren Leben als Straßenhund haben. Sina teilt mir mit, dass sie auf der Straße gelebt hat und dass sie von früher das Leben mit einem Menschen oder einer Familie nicht kennt. Sie zeigt mir ein eher städtisches Umfeld mit weißen Fassaden, graue Straße mit Schlaglöchern, sie ernährte sich aus Mülltonnen und von dem was sie auf den Straßen der alten Heimat fand. Sie lebte im losen Verband mit einigen anderen kleineren Hunden.

Sie wurde auch bereits Opfer von Gewalt durch Menschen, erlebte schon Prügel am eigenen Leib. Sie sendet mir auch ein Bild, wo ich sie an einen Strick angebunden an einem Baum sehe. Kinder hatten sie eingefangen und angebunden. Sie wurde dann gefunden und geschlagen, kam aber wieder frei. Seither ist Sina sehr ängstlich bei Menschen und auch sonst.

Auch vor Tierärzten hat Sina Angst. Sie ist nicht überzeugt davon, dass man ihr helfen will, eher das Gegenteil, befürchtet sie. Sina zeigt mir einen Wurf mit Jungen, den sie bereits hatte, von dem sie weggeholt wurde. Denn eines Tages wurde Sina von einer dunkelhaarigen Frau mit einer Falle eingefangen und wurde in ein Tierheim gebracht, in einen Zwinger, wo es sehr laut und stressig war. Dort erlebte Sina viele Ängste, denen sie nicht durch Flucht entkommen konnte. Sie lebte dort viele Monate, bis sie mit einem Autotransport nach Deutschland kam.

Sina fühlt sich nicht wie ein Raubtier, sondern eher wie ein Beutetier. Das Leben ist ständig „lebensgefährlich und unsicher“. Ihr fehlt jegliches Urvertrauen, das sich in ihrer Welpenzeit hätte bilden müssen.

Sie glaubt: „Weil ich so vorsichtig bin habe ich überlebt. Ich habe viele Hunde sterben sehen. Ich habe gesehen, wie Hunde getötet wurden. Das kann jederzeit passieren. Man ist niemals sicher“.

Warum bist du auch bei schlechtem Wetter lieber draußen. im Haus ist es viel gemütlicher und warm.

„Draußen habe ich jahrelang gelebt und ich kannte mich aus. Im Innenraum leben Menschen, das war eine große Umstellung für mich. Ich finde es sicherer, draußen zu sein. Ich kann jederzeit weglaufen (vor Menschen). Das kann ich drinnen nicht.“

Was wünschst du dir für dein weiteres Leben von deinem Frauchen.

Magda zeigt sie mir als sehr liebevolle, sensible Frau. Sie nimmt viel Anteil an Sina und ihre Hündin spiegelt sich auch stark in ihr. Sie hat selbst Ängste und ist vorsichtig. Sina trägt auch einiges für sie aus. Sina und Magda leben in einer engen Symbiose. Magda sorgt sich um Sina. Sina liebt Magda sehr und möchte sie auch beschützen.

Die Atmosphäre fühlt sich etwas schwer an, ich bin nicht sicher, ob es nur von Sina kommt. Auch Magda trägt emotionale Lasten. Sina findet das Leben beim Menschen nicht leicht. Sie braucht öfters auch etwas Raum für sich, weil ihr die Menschen mit ihren Energien, ihrer Aufmerksamkeit und den Wünschen an Sina auch schnell zu viel werden. Vor allem für das Frauchen gilt das.

„Frauchen soll weniger auf mich achten, und sich weniger um mich sorgen. Ich möchte sie nicht so belasten. Und ich möchte nicht gern im Mittelpunkt stehen. Ich würde gern mit einem zweiten Hund zusammen leben. Ein Rüde, aber keiner der mich dominiert. Dann wäre ich noch öfters abgelenkt. Aber ich kann auch so gut weiterleben, es ist nicht dringend.“

Sina hat ihre Angst und ihre übergroße Vorsicht aus ihrem Vorleben als Straßenhund mit in ihr neues Zuhause nach Deutschland gebracht. Trotz inniger Beziehung zum Frauchen wird die Angst aufrechterhalten, über viele Jahre. Dies hängt vermutlich auch damit zusammen, dass Sina für ihr Frauchen auch viele emotionale Lasten trägt, wie die Besitzerin im Gespräch auch bestätigt. Sie macht sich viele Sorgen um ihre behinderte Tochter. Nachdem die Besitzerin erkannt hat, dass Sina auch von ihr beeinflusst wird, kann sie dies sofort verändern. Am nächsten Tag bereits ist Sina völlig verändert und zeigt deutlich weniger Flucht- und Angstverhalten, läuft bei Fuß und bleibt gelassen in der Wohnung.